GESICHTSVERLUST

GESICHTSVERLUST
BE(COM)ING (IN)VISIBLE

 

 mit Lars Bjerre | Mona Breede | Marc Dittrich | Florian Heinke | Johanna Jakowlev | Werner W. Lorke | Joas Sebastian Nebe | Simon Schubert | Vanja Vukovic

kuratiert von Simone Kraft


Eröffnung am 1. Juni 19 Uhr

Im Zeitalter der Globalisierung schwindet die Individualität von Städten, dem zentralen Lebensraum der westlichen Gesellschaften, zunehmend. Die modernen Metropolen gleichen sich einander immer mehr an – und verlieren ihr „Gesicht“: Von den USA über Europa bis nach Afrika und Asien findet man Wolkenkratzerwelten, Straßennetze, Satellitenstädte, die den immer gleichen Mustern folgen. Innenstädte werden anonym und austauschbar, hinter stylischen Glasfassaden bevölkern dieselben Ladenketten die Fußgängerzonen – oder sie werden gleich ganz ausgelagert: Ganze urbane Zentren verwaisen, weil sie, um vermeintliche Kommerz-Bedürfnisse zu stillen, auf die „grüne Wiese“ verlagert wurden. Die Bautendenzen der letzten Jahrzehnte haben zu einem Stadtbild geführt, das kontinuierlich wiederholt wird und die Städte dabei „unsichtbar“ werden lässt – ein Phänomen, wie es auch in Viernheim zu beobachten ist: In den vergangenen Jahrzehnten hat der Wunsch nach Modernität hier globale Leitbilder umgesetzt, das historisch gewachsene Stadtbild verschwand ohne Not und wurde durch „internationale“ modernistische Neubauten ersetzt.Damit ging jedoch ein Stück Individualität verloren. Es fehlen charakteristische Identitätspunkte, die der Stadt ein Gesicht geben.

Umso wichtiger ist es, die Aufmerksamkeit für die Bedeutung von Architektur zu schärfen und den Blick für das urbane „Gesicht“ – und seinen Verlust – zu sensibilisieren.

Die internationale Gruppenausstellung Gesichtsverlust | Be(com)ing (in)visible fokussiert die Problematik des Identitätsverlustes aus künstlerischer Sicht. Die künstlerischen Positionen entwickeln Sichtweisen, die die Thematik aus unterschiedlichen Blickwinkeln reflektieren und ein vielschichtiges Spannungsfeld von Mensch und architektonischer Umgebung eröffnen. In ihrer Kombination kommen gewohnte Anblicke in ungewohnter Weise zum Ausdruck, überraschende Einsichten tun sich auf, Fragen werden aufgeworfen und insbesondere der Blick für die Bedeutung des „Gesichtsverlustes“ in unserer gesellschaftlichen und architektonischen Umwelt geschärft.

Denn auch der soziale Bereich bleibt von diesem Phänomen nicht unberührt. Insbesondere die rasanten Fortschritte in der Computertechnologie kreieren eine Handlungsrealität, die über den individuellen Präsenzraum der Handelnden weit hinausreicht. Social Networks und Smartphone, Skype, Email und Co. erleichtern den zwischenmenschlichen Austausch, machen aber zugleich den Kontakt von Angesicht zu Angesicht überflüssig. Die tatsächliche körperliche Präsenz wird immer mehr zur Nebensache, Beziehungen und Kommunikation werden „entkörperlicht“ und „enträumlicht“ – gleichsam „gesichtslos“.
Zugleich greift ein zunehmend exzessiver werdender Körperkult um sich. Dank Kosmetik, Bekleidungsindustrie und Medizin rückt ein individuell gestaltbares Schönheitsideal in greifbare Nähe. Der Körper wird zum „Material“, das nach eigenen Wünschen und vorgefundenen Idealen gestaltet werden kann. Individualität wird einerseits angestrebt, andererseits aber – unbewusst – ausgelöscht, wegoperiert, überschminkt. Der Trend zur Individualisierung führt auch zu Angleichung und Gleichmachen und damit letztlich wieder zur befürchteten Durchschnittlichkeit – und zum Verlust des individuellen Gesichts.

Die Ausstellung wird von einem Katalog begleitet.